Über das Projekt
„Im Raume lesen wir die Zeit“
„Als BIG übernehmen wir umfassende Verantwortung für unsere Häuser. Das betrifft selbstverständlich bauliche Aspekte wie die gezielte Modernisierung und Dekarbonisierung unserer Bestandsgebäude. Gleichzeitig haben wir auch die große gesellschaftliche Verpflichtung, uns mit der Geschichte unserer Häuser auseinanderzusetzen. Das Forschungsprojekt „Kontaminiertes Erbe?“ ist ein weiterer wichtiger Schritt, diese Verantwortung wahrzunehmen.“
Christine Dornaus und Gerald Beck,
Geschäftsführung der Bundesimmobiliengesellschaft
Gebäude nehmen eine bedeutende, in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch oft übersehene Rolle der österreichischen Gewaltgeschichte des NS-Regimes ein. Die zentralen Orte der Verbrechen, etwa das Konzentrationslager Mauthausen, sind heute fest im öffentlichen Gedenken und in der historischen Vermittlungsarbeit verankert. Weitaus weniger Beachtung finden hingegen jene Liegenschaften, die von 1938 bis 1945 von Polizei, Justiz oder anderen Behörden genutzt wurden. In diesem Zusammenhang stellt sich sowohl die Frage nach der „Kontamination“ [1] dieser Gebäude durch das NS-Regime als auch nach dem Umgang mit ihnen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Vielfach lässt sich weder in Deutschland noch in Österreich bis heute eine klare Haltung im Umgang mit NS-kontaminierten Gebäuden erkennen.[2]
Betroffen sind davon zum einen Liegenschaften, die im „Dritten Reich“ errichtet wurden, zum anderen – und dies quantitativ in weit größerem Ausmaß – Objekte, die bereits vorhanden waren und unterschiedliche „Formen sowie Praxen der Inbesitznahmen“[3] unter nationalsozialistischer Herrschaft erfuhren. Sie machen deutlich, wie im totalitären NS-Regime die gesamte Gesellschaft, das ganze Leben, verändert und geprägt wurden. Manche von ihnen sind – wie beispielsweise das Palais Epstein an der Wiener Ringstraße – ein „lieu de mémoire“ der Geschichte Wiens und Österreichs seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und haben einen stark sichtbaren Erinnerungcharakter. Heute sind diese „Inbesitznahmen“ häufig vergessen und – zumindest auf den ersten Blick – unsichtbar. Doch die Spuren sind gleichsam subkutan vorhanden, eingebrannt in die Gebäudevita ebenso wie in die Biografien jener Menschen, die – auf welche Weise auch immer – in Berührung mit dem jeweiligen Objekt kamen.
Mit dem 2023 von der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) ausgeschriebenen Pilotprojekt zu NS-zeitlich belasteten Liegenschaften der BIG wurde ein wichtiger erster Schritt zur Sichtbarmachung dieser Spuren gesetzt. Wie die Geschäftsführung im Rahmen einer Pressekonferenz am 12. März 2024 betonte, erfolgte die Entscheidung für die Initiierung des Forschungsprojekts auf Grundlage der umfassenden Verantwortung, die die BIG für ihre Gebäude trägt – sowohl in baulicher als auch in gesellschaftlicher Hinsicht. Die Auseinandersetzung mit der zeithistorischen Dimension ausgewählter relevanter Liegenschaften sollte einen zentralen Beitrag leisten, dieser Verantwortung nachzukommen und den reflektierten Umgang mit dem baulichen „kontaminierten“ Erbe weiterzuentwickeln.
„Im Raume lesen wir die Zeit“[4] – so lautet der Titel eines Beitrages zum komplexen Verhältnis von Geschichte, Ort und Gedächtnis (nicht nur) in KZ-Gedenkstätten. [5] Dies trifft auch auf den Raum des NS-kontaminierten Erbes der Gebäude der BIG zu. Wobei hinzugefügt werden könnte: „Im Raume lesen wir die Zeit – und die Gegenwart“.
[1] Martin Pollack, Kontaminierte Landschaften. St. Pölten – Salzburg – Wien 2014, S. 20.
[2] Vgl. Ingrid Böhler – Karin Harrasser – Dirk Rupnow – Monika Sommer – Hilde Strobl (Hg.), Ver/störende Orte. Zum Umgang mit NS-kontaminierten Gebäuden. Wien – Berlin 2024.
[3] Bertrand Perz, Umnutzungen und Umdeutungen durch Diktaturen – ein Epilog, in: Bertrand Perz – Verena Pawlowsky – Ina Markova, Inbesitznahmen. Das Parlamentsgebäude in Wien 1933–1956. Salzburg – Wien 2018, S. 331–344, hier: S. 332.
[4] Karl Schlögel, Im Raume lesen wir die Zeit. Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik. München 2003.
[5] Cornelia Siebeck, „Im Raume lesen wir die Zeit“? Zum komplexen Verhältnis von Geschichte, Ort und Gedächtnis (nicht nur) in KZ-Gedenkstätten, in: Alexandra Klei – Katrin Stoll – Annika Wienert (Hg.), Die Transformation der Lager. Annäherungen an die Orte nationalsozialistischer Verbrechen. Bielefeld 2011, S. 69–98.